Olzos kleiner Weblog (alt)  |  bergische Sagen
Impressum

bloz.de

Dieses Blog-Experiment wurde halbwegs aktiv von Mitte 2006 bis Ende 2010 betrieben.
Von den 300 alten Artikel stelle ich hier aus historischen Gründen noch einige öffentlich (der Rest wandert ins Privatarchiv).

Wed, 22.11.2006
Afghanistan

Afghanistan. Mal wieder. Man will es eigentlich nicht mehr hören.
Deutsche Soldaten sollen dort mal ein bisschen härter durchgreifen - immerhin greift der Spiegel die US-amerikanische Forderung auf und bringt es auf seine aktuelle Titelseite: {"Die Deutschen müssen das Töten lernen."}
Shocking, keine Frage. Vielleicht hilft ein Blick zurück; vielleicht mal ausnahmsweise nicht in die eigene, deutsche Geschichte, sondern in die Geschichte Afghanistans.
Dies hier hatte ich 2005 bereits einmal für das kmspiel-Reisetagebuch verfasst - Fontanes {Trauerspiel von Afghanistan} erschreckt mich auch diesmal wieder - wie aktuell es klingt.

...

Eine zerklüftete Gebirgslandschaft, trockene heisse Sommer, eisige verschneite Winter. In einem solche Winter war es auch, als {Akbar Khan} im Januar 1842 das britische Heer von 13.000 Mann vernichtend schlug. Theodor Fontane hat das "Trauerspiel von Afghanistan" (s.u.) einige Jahr später in Verse gefasst.

Quelle: http://afghanland.com/pictures/pict13.jpg

Was war passiert? Das stolze Bergvolk der Afghanen, das am liebsten dem polo-ähnlichen Buzkaschi-Spiel nachging, geriet Anfang des 19. Jhs. zwischen die Machtinteressen des russischen Zaren Nikolaus und der britischen Queen Viktoria I., vertreten in Britisch-Indien. Die schwer zugänglichen Gebirgstäler bildeten vorerst eine natürliche Barriere zwischen den Kolonialmächten, doch damit wollte sich keiner begnügen. Damals nannte man es das {"Great Game"}, das grosse Spiel um Macht und Geld. Es hat sich also nichts geändert.

Seit 1826 gelang es dem Emir Dost Mohammed Khan immer mehr, die einzelnen Stämme zu einem ganzen Afghanistan zu einen. Doch 1839 marschierten die Briten aus Indien ein uns besetzten Kabul. Eine blutige Zeit begannt. Der Emir wurde abgesetzt. Bei einer Truppenverlagerung 1842 von Kabul nach Dschellalabad wurde die gesamte britische Armee vernichtet. Nur ein einziger Brite überlebte und überbrachte die Nachricht der totalen Niederlage, die in London und Kalkutta, dem Sitz der Ostindien-Kompanie wie eine Bombe einschlug: es war die erste grosse Niederlage in der britischen Kolonialgeschichte.
Der afghanische Anführer Akbar Khan war der Sohn des früheren Emirs Khan. Er wurde zeitgenössisch als "grosser junger Mann mit freundlichem Ausdruck und gefälligen Manieren" beschrieben, der "mit vielen guten Wünschen nach der Gesundheit der Gefangenen erkundigt". Auch wenn dies teils Kriegspropaganda gewesen sein mag: eine solche Grösse vermisst man bei seinen heutigen Gegenspielern schmerzlich, bei Abu Ghureib und Guantanamo befällt einen tiefe Scham. Akbar Khan wurde nur 30 Jahre alt.

Es gab noch weitere Versuche, die Afghanen zu kolonialisieren, 1878-1879 gab des den zweiten Britisch-Afghanischen Krieg, wieder wurde Kabul besetzt. Doch wieder widerstanden die stolzen Afghanen, wieder bereitete das störrische Reitervolk den Briten eine schmerzliche Niederlage.

Heute ist Afghanistan praktisch zerstört. Man hat den Eindruck, der englisch-sprechende Westen hätte sich mit Geld, geheimdienstlicher Unterstützung der Taliban, Waffenlieferungen und der anschliessenden Bombardierung für die 150 Jahre alte Schmach endlich rächen wollen.

Doch sicher wird Afghanistan auch das überleben. Im Gedächtnis verknüpfe ich mit Afghanistan immer noch zuerst einen russischen Panzer, wohl ein in der Kindheit aufgeschnapptes Fernsehbild - heute ist die 1989 beendete russische Besatzung längst schon wieder Geschichte.

mehr z.B. unter http://afghanland.com/history/greatgame.html


Das Trauerspiel von Afghanistan

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
"Wer da?" - "Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan."

Afghanistan! Er sprach es so matt,
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie Iabt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

"Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt."

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all',
Sir Robert sprach: "Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie's hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!"

Da huben sie an und sie wurden's nicht müd',
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen - es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.
Theodor Fontane, 1859


Ich sage nicht: zieht die Bundeswehr aus allen Krisenregionen der Welt zurück, sonst werden wir alle sterben!
Aber mehr Achtung vor den "Anderen", vor dem was hier zerstört wurde, sollte geboten sein. Durchaus auch etwas Scham, ja. Und die Haudrauf-Kriegspolitik der USA sollte international geächtet werden.
Christian Morgenstern hat es hier so passend formuliert: "Einen Krieg beginnen, heißt nichts weiter, als {einen Knoten zerschlagen, statt ihn aufzulösen}".

Politik,Geschichte | Asien



Was Theodor schrieb und Olzo verlas,
Ist das, was zu oft ein Kriegsherr vergaß,
Wenn er geblendet von gleißendem Licht
Auf fremdem Boden sein Tagwerk verricht'.

Das Licht der Presse, des Ruhms und der Ehre,
Die ich ja prinzipiell keinem verwehre,
Hat zu oft schon aus manchen politischen Affen
Neue Kriegsherrn der Gegenwart geschaffen.

So prügelt jede neue Union,
Auf fremde Länder ein. Obschon
Gedichte, Berichte und frühere Lieder
Von all dem erzählen - man reißt es schlicht nieder.

So wird es auch in diesem Fall sein.
Hoffentlich kehrt mehr als nur einer heim.

am 2006-11-22 15:36:24 von Sebastian