Olzos kleiner Weblog (alt)  |  bergische Sagen
Impressum

bloz.de

Dieses Blog-Experiment wurde halbwegs aktiv von Mitte 2006 bis Ende 2010 betrieben.
Von den 300 alten Artikel stelle ich hier aus historischen Gründen noch einige öffentlich (der Rest wandert ins Privatarchiv).

Sat, 17.11.2007
Sprech- vor Schrift-Deutsch

Ich habe gestern angefangen Wörter zu sammeln. Und zwar bestimmt Wörter: Wörter, die eigentlich nur im gesprochenen Deutsch vorkommen, die es aber in der Schriftsprache nicht gibt.

Beispiel zue als Adjektiv. "Ich find die Socken nicht in den offenen Schubladen" - "Dann guck doch auch mal in den {zuen}." Gesprochen kein Problem, geschrieben weicht man auf "geschlossen" aus.

Beispiel Kniee im Plural. Im Gesprochenen kann man klar unterscheiden, ob der Redner 1 Knie meint oder 2 Knie-e. Schriftsprache sieht hier aber die Pluralbildung {Knie} vor, wodurch eine direkt Unterscheidung aus dem Wort selbst nicht mehr möglich ist.

Beispiel döwer als Steigerungsform von doof. Weil sich das nicht mehr wirklich logisch an oo und f ableiten lässt, muss die Schrift hier einknicken und bietet nur ein {doofer} an, was aber kein Mensch sagt. Die Sprache erleidet hier bei der Abbildung "Gesprochenes => Schrift" eine klare Schwächung.

Ich dachte eigentlich, dieses Phänomen müsste einen Namen haben. Habe allerdings noch keinen gefunden. Danke an Sebastian für Hinweis in Richtung Sprachwissenschaften. "Varietät" scheint viele Möglichkeiten zu bieten: http://apuzik.deutschesprache.ru/lektion-0f.html
Auch "Soziolekt" ist interessant: http://www.informatik.uni-frankfurt....ozliweb.html

Allerdings wird mir hier meist zu stark davon ausgegangen, dass es sich hierbei im eine Sprache innerhalb kleinerer regionaler oder sozialer Gruppen geht, die nicht für die gesamte Sprache gelten.
Ausserdem klingt mir meist zu stark durch, dass "das Geschriebene korrekt" ist und "das Gesprochene weniger richtig" sei. Schrift als Leit-Deutsch für Gesprochenes? Ich denke gerade ich Beispiele oben zeigen, dass Geschriebenes auch klar die schwächer Form des Gesprochenen sein kann.
Weiter Beispiele?

Sprache | Deutschland



Ich spreche ja gern mal von "appen Beinen" (halt das Gefühl, die Beine seien ab, muskulär jedenfalls) - aber ich glaube, das ist keine übliche Sprachvarietät;-)

am 2007-11-20 08:04:17 von Kylie


Nicht.
Die appen Beine (Arme, was weis ich sonst noch) sind sogar in der Hauptstadt der Hochdeutschen Sprache bekannt.
Also in Hannover und umzu sagen wir auch: "appe Beine"

am 2007-11-20 15:36:42 von DerVerfolgte


Och, und da dachte ich, das sei mein spezieller Ausdruck! Grummel, kann man machen nüschte;-) Naja, ich habe ja meine Kindheit vor der niedersächsischen Grenze verbracht...vielleicht hab' ich das damals schon aufgeschnappt...

am 2007-11-20 20:06:39 von Kylie


Ja, das "appe Bein" hatte mir auch jemand aus dem Sueden Deutschlands empfohlen ;-) ist wohl ueberall bekannt.

am 2007-11-20 20:53:03 von Olzo


sehr interessante Beobachtung. Sprache ist, was gesprochen wird. Das kommt vor allem im kognitiven Ansatz der Sprachwissenschaft immer mehr zum Tragen. Ein sehr interessantes Buch zum Thema und darüber hinaus: M.Tomasello, Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens.

am 2008-06-03 13:31:19 von Ate


Ah, interessant! Werde mir das Buch mal notieren. Danke fuer den Hinweis :-)

am 2008-06-05 09:05:17 von Olzo