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Dieses Blog-Experiment wurde halbwegs aktiv von Mitte 2006 bis Ende 2010 betrieben.
Von den 300 alten Artikel stelle ich hier aus historischen Gründen noch einige öffentlich (der Rest wandert ins Privatarchiv).

Mon, 25.08.2008
Olympia / Doping

{Olympia / Doping}, eigentlich zwei Begriffe mit zwei verschiedenen Bedeutungen; und doch inzwischen offenbar untrennbar miteinander verbunden.



Jetzt ist es also wieder vorbei. Die spannendste Frage war diesmal leider: "Wie oft wurde gedopt?" Welches Gefühl war echt? Wem konnte man trauen? Wer ist noch glaubhaft? Wer lügt?

Die Skala ist offen: zwischen 0,1% und 100% ist alles drin. Früher einmal, vor Ben Johnson, dachte ich, vielleicht sind 0,1% gedopt. Danach ein paar Prozent.
Inzwischen weiss man, dass ganze Sportarten verseucht sind (Radsport), aber sollen denn wirklich alle gedopt sein?
Inzwischen glaubte ich nicht mehr an 20-30%, eher an 50-70%. Aber ein paar Ehrliche müssen doch noch dabeigewesen sein?


Frankie Fredericks, ehemaliger Sprinter und neuer Vorsitzender der Athletenkommission, wagte es gar, zu behaupten, dass {99,9%} aller Athleten bei Olympia sauber seien.
http://www.faz.net/s/Rub03D44147D5D5...s_googlefeed

Frankie fand ich immer smart und sympatisch. Ich möchte ihm glauben.
Eigentlich möchte ich auch gerne noch an den Weihnachtsmann glauben...

Und dann gibt es da diese 4 Seiten Interview mit einem absoluten Insider über Doping. Auch, wenn ich davon eigentlich nichts hören möchte - diese 4 Seiten sollte man lesen. Und man weiss danach mehr über Doping, als man jemals wissen wollte...

"Saubere Höchstleistungen sind ein Märchen."
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518...1031,00.html

Dieser Doping-Dealer behauptet, {100%} seien gedopt.

...

Ein weites Feld zwischen 0,1% und 100%. Wem wollen wir glauben?
Dem netten Läufer Frankie? Oder dem bösen Verbrecher?

Wieviele waren jetzt, bei den olympischen Spielen in Peking 2008, wirklich gedopt?
Was glaubt ihr?

...

Wie ist eigentlich die schlechteste Zeit des Super-"Sportlers" Phelbs, 100m Schmetterling, einzuordnen? (schlecht, weil kein Weltrekord)

1972, {Mark Spitz} gewinnt die Olympischen Spiele in München mit Weltrekord in {54,27s}

1984, {Michael Groß} gewinnt die Olympischen Spiele in Los Angeles mit Weltrekord in {53,08s}

2008, Peking, Endlauf:
Rang 	Name 			Land 	Sek.
Gold Michael Phelps USA 50,58 Sek. (OR)
Silber Milorad Cavic SRB 50,59 Sek.
Bronze Andrew Lauterstein AUS 51,12 Sek.
4. Ian Crocker USA 51,13 Sek.
5. Jason Dunford KEN 51,47 Sek.
6. Takuro Fujii JPN 51,50 Sek.
7. Andrii Serdinow UKR 51,59 Sek.
8. Ryan Pini PNG 51,86 Sek.


Weder Spitz noch Groß hätten das Finale erreicht. Sie wären übrigens auch nicht unter den 16 Teilnehmern des Halbfinales gewesen.
Klar, die trainieren heute einfach besser. Und einen tollen Rennanzug haben sie auch, der bringt s.

Darf man hoffen, dass da überhaupt noch ein sauberer Sportler in Peking dabei war, ohne enttäuscht zu werden?

Zeitgeschehen | Welt



Mir geht's ähnlich: Es wäre zu schön (um wahr zu sein?), wenn Spitzensport mit Leistungen ungedopter Sportler/innen möglich wäre.
Ich hatte den Spiegel Artikel gestern oder vorgestern gelesen, und da wird einem wirklich schlecht - müssen, wollen wir denn alle verarscht werden, sind wir an einem "Point of no Return" schon lange vorbei, gefangen in einer Endlos-Spirale die unaufhaltsam Kurs auf's Gen-Doping nimmt?
Ich hatte noch an keinen Olympischen Spielen so wenig Interesse wie an diesen - wahrscheinlich, weil ich dem Zirkus nicht mehr glaube. Es wäre so schön, wenn's anders wäre...ich habe übrigens als Kind krampfhaft darauf bestanden, dass es das Christkind gibt, auch, als ich längst nicht mehr dran glaubte. Ohne Christkind fand ich Weihnachten gar nicht mehr schön, also tat ich so, als ob ich noch dran glaubte.
So ähnlich war's bis zu den vorletzten Olympischen Spielen.

am 2008-08-25 13:48:53 von Kylie


Es sind wohl eher die 100% als die 0,1% der Spitzensportler die sich des Dopings bedienen. Es geht um viel Geld und wer seinen Lebensunterhalt mit dem Sport verdienen will oder muss, greift zum Doping, weil es ja alle an der Spitze so machen. Ich finde das alles andere als gut, aber immerhin gibt es eine Begründung, nämlich das Geld, warum die Leute zum Doping greifen.

Aber wo fängt Doping an? Was ist mit den vielen Freizeitsportlern die mit Ihrem Sport kein Geld verdienen und für die es "nur" um Ihre persönliche Bestzeit geht oder die einmal eine gute Platzierung erzielen wollen? Viele dopen bereits im Freizeitsport und hauen sich fragwürdige Pillen ein obwohl für sie gar kein finanzieller Hintergrund besteht...
Doping fängt nicht bei Olympia an.

am 2008-08-25 20:56:49 von diego


Das war ja mal ein schöner Link, den ich - trotz ziemlich ausführlicher SPIEGEL-online-Leserei - vermutlich aufgrund Themenüberblätterung sonst verpasst hätte. Danke dafür.

Bei mir erfolgt übrigens angesichts dieser Meldungen eine völlig andere Reaktion und ich frage mich schon, ob ich einfach so unmoralisch, ehrlos oder "anders" bin?

Denn erstens wundert es mich nicht. Nicht, weil ich meine, das sowieso und überheblicherweise und stammtischprotzend sowieso schon alles gewusst zu haben. Oder irgendwie vielleicht doch ... ? Hauptsächlich aber stellen sich überhaupt keine Gefühle oder Ansichten von "Enttäuschung" oder "Belogenwordenseins" ein. Nichts an moralischem Zeigefinger erhebt sich in mir gegenüber den jungen Menschen, die da gewinnen wollen und bereit sind, dafür alles mögliche zu tun.
Was sich bei mir sofort immer einstellt ist sowas wie mütterliche Besorgnis. Ich würde immer am liebsten jedem sagen: "Mensch, Junge/Mädel - du weißt doch gar nicht, ob und WIE gefährlich das ist. Pass auf dich auf - das Leben als solches ist doch mehr als nur ein bisschen Ruhm!"

Im den ersten Momenten stellt sich dann höchstens Vorwurf gegen die Chemiker und Dealer ein, die ja wirklich NUR geldgetrieben sind. Beim genauen Hinterherdenken zeigt sich aber, dass jedes Puzzleteil dieses Spiels das andere bedingt und enthält und sie nicht zu trennen sind.

Und ganz fertig gedacht gibt's für das alles einen eindeutigen ursächlichen Auslöser: die Zuschauer.

am 2008-08-30 06:27:26 von Lizzy


Lizzy, ich "wundere" mich auch nicht, insofern unterscheiden sich unsere Reaktionen nicht so sehr.

Ganz vereinfachend könnte man wohl sagen, es wird gedopt einfach aus dem Grund, weil es möglich ist. Menschen haben schon immer "alles mögliche" gemacht, ohne Rücksicht auf Verluste.
Schade und "verwerflich" finde ich die Entwicklung trotzdem, gerade, weil aus Sport etwas ganz anders wird, das mit dem ursprünglichen Gedanken nicht mehr viel zu tun hat. Und wie Dirk schon schrieb: so etwas färbt immer auch auf den Amateurbereich ab. Nachdem ich ja meine Eisentabletten absetzen durfte, habe ich mich bei der Angst ertappt, ob das sich nicht vielleicht negativ auf die Lauferei auswirken könnte. Ich könnte mir vorstellen, dass es so (nur eben auf andere Substanzen bezogen) manchen Leistungssportlern ergeht...
Und was die Zuschauer betrifft : natürlich ist es so, dass denen was geboten werden sollte, immer schon, und irgendwann wurde damit begonnen, immer tiefer in die Trickkiste zu greifen. Allerdings ist gerade "der Zuschauer" wohl auch auf dem Weg, kritischer zu werden und das Interesse zu verlieren - siehe Tour de France, völlig auf dem absteigenden Ast in der Zuschauergunst. Insofern - kann da vielleicht doch noch was zu retten sein? Nein, ich glaube nicht. Es gibt kein "zurück" - als Konsequenz daraus würde ich niemals wollen, dass sich eines meiner Kinder dem Leistungssport aussetzt.

am 2008-08-31 13:18:56 von Kylie


Naja, letztendlich ist ein gedopter Spitzensporter auch nichts anderes als ein Verbrecher, der durch Betrug an Geld kommt. Da unterscheidet er sich nicht mehr viel vom Bankraeuber. Und meine muetterlichen Gefuehle einem Bankraeuber gegenueber halten sich doch sehr in Grenzen.
Er muss das ja nicht machen. Er will das. Es war sein freier Entschluss, letztendlich.

Dass wirklich alle dort gedopt gewesen sein sollen, faellt mir immer noch schwer zu glauben. Enttaeuschung empfinde ich da weniger ueber den einzelnen Sporter, als vielmehr ueber die Verlogenheit des ganzen Systems.

Der Zuschauer, ja. In der Masse wie stark manipulierbar? Das Volk nur noch TV-Vieh, Wahl-Vieh, Bezahl-Vieh? Haben wir verloren? Haben SIE schon gewonnen?

am 2008-09-01 11:42:38 von Olzo


gerade, weil aus Sport etwas ganz anders wird, das mit dem ursprünglichen Gedanken nicht mehr viel zu tun hat.
Es gibt kein "zurück"

wohin auch "zurück"? zur Amöbe? Ich meine: zumindest, solage es Menschen gibt, wurde mit Sicherheit immer und überall alles in der jeweiligen Zeit mögliche getan, um Ruhm, Ehre und womöglich auch Geld zu erreichen. Um toll auszusehen und bejubelt zu werden. Ich sehe diesbezüglich keine "Entwicklung". Die findet lediglich in der Forschung und Naturwissenschaft statt und liefert neues Material. Man stelle sich vor, die Gladiatoren bzw. einer davon wäre per Zeitreise in den Genuss heutiger Dopingmittel geraten, um dann damit im alten Rom glänzen zu können. Er hätte sich skrupellos als GOTT feiern lassen. Und wer weiß eigentlich, was Herkules sich so eingepfiffen hat ...

Vermutlich ist es nichtmal an die menschliche Natur gebunden. Auch Menschenaffen würden dopen und ... ach, einfach alles Leben mit Bewußtsein! Ich gehe soweit, die These aufzustellen, dass es zur Grundnatur der Evolution zählt. Ohne diese Bereitschaft, sich auch selber zu schädigen um mal so richtig toll dazustehen und natürlich auch dabei unschuldig zu wirken wie neugeborene Lämmer und alle fröhlich zu täuschen ... ohne das alles säßen wir noch in den Bäumen.

Um bei Olzo zu bleiben: das Bezahl-Vieh profitiert auch davon, selbiges zu sein. Wenn sie selber damit zufrieden sind, der Spitze zuzugucken bei ihrem riskanten Treiben ... sie nutzen dann die Errungenschaften technischer und chemischer Natur später auch selber mit ... Ohne Lügen, Betrügen, Schwindeln, Ausbeuten und ähnliche Übel mehr keine Medikamente, Waschmaschinen und kein Internet.

HA - da hätten wir also den Grund für die Weiterentwicklung allen Lebens gefunden: die Eitelkeit auf der einen und die Sensationsgier auf der anderen Seite.

Ich sollte mal einen wissenschaftlichen Artikel verfassen und veröffentlichen. Oder gleich ein Buch?

am 2008-09-01 13:40:39 von Lizzy