Olzos kleiner Weblog (alt)  |  bergische Sagen
Impressum

bloz.de

Dieses Blog-Experiment wurde halbwegs aktiv von Mitte 2006 bis Ende 2010 betrieben.
Von den 300 alten Artikel stelle ich hier aus historischen Gründen noch einige öffentlich (der Rest wandert ins Privatarchiv).

Tue, 02.12.2008
der perfekte Buchstabe

Man meldete mir Erfolge im Kampf gegen Formular-Spam im Internet durch den Einsatz von reCaptcha (bei einem vBulletion-Forum). Das ist in soweit interessant, da im Gegensatz zu bisherigen Captchas ( http://de.wikipedia.org/wiki/Captcha ) bei reCaptcha ( http://recaptcha.net/ ) echte Worte mit "verschlungenen und durchstrichenen Buchstaben" benutzt werden (was nebenbei einem Buch-Digitalisierung-Projekt hilft).

Was uns zu der Frage bringt, warum Menschen "verschlungene Buchstaben" korrekt identifizieren können, Maschinen aber nicht (so gut). Und was uns zu der folgenden Meldung aus der Forschung bringt (Psychological Science, Kanada 11/2008):

Wer täglich nur eine Stunde liest, entziffert im Laufe seines Lebens mehr als eine Milliarde Buchstaben. Welche Schriftmerkmale dem Gehirn diese erstaunliche Leistung ermöglichen, haben kanadische Psychologen mit Hilfe extrem ausdauernder Studenten untersucht. Vor allem die Enden seiner Linien sind es demnach, die einen Buchstaben des Alphabets gegenüber den anderen auszeichnen.
...
Anhand der Erkennungsraten berechneten die Forscher, welche Teile der Buchstaben für eine Erkennung nötig sind. Das verblüffende Resultat: Texte wären prinzipiell auch dann noch lesbar, wenn zwei Drittel oder sogar drei Viertel von jedem Buchstaben weggelassen würden. In den jeweils unentbehrlichen Anteilen waren Linienenden mit Abstand am häufigsten zu finden, gefolgt von horizontalen Linien. Wurde das Experiment mit einem auf Effizienz getrimmten Bilderkennungsprogramm wiederholt, erwiesen sich dagegen vertikale Linien und nach oben geöffnete Bögen als wichtigste Merkmale.
...
Auf Basis der Resultate könnte {eine Schriftart entwickelt} werden, in der die Linienenden und anderen wichtigen Elemente besonders markant sind, schlagen die Forscher vor. Eine solche Schriftart “könnte normalen Lesern und solchen mit Leseschwäche vielleicht eine schnellere Erkennung von Buchstaben und damit von Wörtern erlauben”.
http://www.scienceticker.info/2008/1...en-ausmacht/

Eine neue Schriftart mit leseeffezienten Buchstaben ... eine interessante Idee!

Naheliegender ist erstmal, dass die Studie "was macht einen Buchstaben wirklich aus" für die Captcha-Erstellung interessant ist - und hoffentlich nicht von Spammern gelesen wird

Buchstaben in einer Setzerei


Zum Schluss noch was zum Schmunzeln: die Top10 der schlechtesten Captchas...
http://www.johnmwillis.com/other/top...st-captchas/

Sprache | Internet



reCAPTCHA löst nebenbei unerkannte Scans. Witzige Idee. Da hat doch mal ein Informatiker einen echt spannenden Einfall gehabt. Seti@Home oder Cancer@Home lässt grüßen! Verteiltes Rechnen gratis nutzen ist ja nicht ganz neu, hier aber mal innovativ umgesetzt.

Die Idee mit der leseeffizienten Schrift finde ich hingegen zwar in der Theorie spannend, glaube aber nicht an einen Praxiserfolg. Natürlich könnte man eine solche Schrift in bestimmten Lesen-Lernen-Produkten einsetzen. Dass diese sich aber rentieren, scheint mir in unserem ach so föderalistischen Bildungssystem eher unwarscheinlich. Und wenn die Schulen da nicht mitmachen, wird der ganze Spaß kaum bezahlbar, weil der Absatz einfach zu gering ist. Oder male ich da jetzt schwarze CAPTCHAs an die Wand? ;-)

am 2008-12-04 10:25:18 von Sebastian


Na, fuer die Schule wird das in den naechsten 300 Jahren nix (wie war das? "nirgendwo werden gesellschaftliche Aenderungen so langsam umgesetzt wie in der Schule"?). Aber als Nischen-Produkt, so wie Esperanto, koennt ich mir das schon vorstellen, und faend s auch spannend.

am 2008-12-04 11:12:02 von Olzo


Neinnein, das war anders: "Es gibt nur eine Sache, die sich langsamer bewegt als die katholische Kirche: staatliche Schulen!" ;-)

am 2008-12-09 12:23:06 von Sebastian