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Dieses Blog-Experiment wurde halbwegs aktiv von Mitte 2006 bis Ende 2010 betrieben.
Von den 300 alten Artikel stelle ich hier aus historischen Gründen noch einige öffentlich (der Rest wandert ins Privatarchiv).

Tue, 10.02.2009
alle alle

Sehr geläufig ist (zumindest hierzulande) die Verwendung von alle alle im Sinne von {leer}. Wie seltsam ... bedeutet {alle, alles, die Ganzheit} doch eigentlich eher das Gegenteil.
Ist das ein regionales Idiom, einfach Kindersprache, ein Filmzitat, oder was?
Im etymologischen Wörterbuch wurde ich so wenig fündig wie bei Suchmaschinen. Nun brachte das Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm endlich Aufklärung Die beiden gingen dieser {"merkwürdige, dem anschein nach uralte eigenheit unsrer sprache"} sehr genau auf den Grund. Weil das Grimmsche Deutsche Wörterbuch so schön ist, zitiere ich exemplarisch einmal den gesamten betreffenden Abschnitt (der ganze Eintrag all ist noch erheblich länger):


6)  praedicativ in der bedeutung der allheit steht all kaum, doch kann man sagen: es ist nicht einer, sondern alle; die da kamen, waren alle. nie für die ganzheit, unsagbar wäre: der rock ist all, meine freude ist all, im sinne von unversehrt, unverletzt. Wol aber musz als merkwürdige, dem anschein nach uralte eigenheit unsrer sprache hervorgehoben werden,

Bd. 1, Sp. 211

dasz sie praedicatives
all im sinne von erschöpft und beendigt kennt: das geld ist all will sagen verthan, durchgebracht; der wein ist all, rein ausgetrunken; die freude ist nun all, zu ende; es ist all all, antwortet man begehrenden kindern; es ist alles all, tout est fini, wo das wort hintereinander verschiednes ausdrückt; und damit ists noch nicht alle. SCHILLER 646; meine hyacinthen sind alle. 310; dasz ich wieder was habe, wenn der all ist. GÖTHE bei Merck 2, 85; die kugeln sind alle, wir wollen neue gieszen. 8, 107; denn die missethat der Amoriter ist noch nicht alle. 1 Mos. 15, 16, necdum completae sunt. all werden = perire, finiri: das geld wird bald all; der wein wird all, es musz neu gezapft werden; der vorrat konnte dennoch mit der zeit theils verderben, theils alle werden. Felsenb. 2, 77; meine sechs thaler waren bei dem auflegen vor die musikanten und durch das unglückliche spielen alle worden. Leipz. avanturier 1, 196; das gröszte vergnügen wird alle, wenn die frau keine wirtin ist. GELLERT; nun schieszt nur hin, dasz es alle wird. GÖTHE 8, 169; dennoch müssen sie untergehen, ja vergehen und alle werden. LUTHERS br. 2, 72; bis das ewre leibe alle werden in der wüsten. 4Mos. 14, 33; es sol das dritte theil von dir durch hunger all werden. Ezech. 5, 12. all machen = perdere, verthun, durchbringen: er wird sein bischen geld bald alle machen; dieser mensch hatte einen reichen vater, dem er 12 000 thaler auf universitäten und 6000 thaler auf dieser zweijährigen reise alle gemacht hatte. Leipz. avant. 2, 17;

natürlich ists, das stetigs klagen
uns endlich alle macht.
         FLEMING 487;

der kömpt vom berg herab und der kömpt durch das thal,
dasz sie den tollen mann da wollen machen all.
         WERDERS Ariost 24, 8,

et altretanti andar da basso ad alto,
per fare al pazzo un villanesco assalto;

hat in derselbige ins weiche gestochen und also in gar alle gemacht und jämmerlich erwürget. SPANGENBERGS jagteufel 1560 bl. S iib. ADELUNG erklärt dies seltsame all für gemein und für ein adverb. adverb sein kann es aber nicht, da, wie wir sahen, der begrif all das adv. ausschlieszt und die verbindung mit sein, werden, machen nothwendig ein adj. fordert. auch ellipsen lassen sich nicht wol annehmen, wer das geld ist all und das geld ist hin (gegangen) vergleichen wollte, würde all machen nicht erklären können. Erwägt man nun, dasz all ein verwandter begrif von ganz ist, ganz aber sich an gar und fertig reiht; so musz auch all aus der vorstellung der bereitschaft übergehn in die des abschlusses und endes. der fertige steht gerüstet zur fahrt und zum abgang, fertig sein heiszt uns zwar bereit sein, aber auch ermatten, erliegen. gerade so zweideutig erscheint gar, die speise ist gar bedeutet sie ist fertig gekocht, in Östreich hingegen, sie ist erschöpft, ausgegessen, nicht mehr vorrätig. man sagt dort mit mir ists gar = mit mir ists aus. in diesem sinn kann auch das ist all beides ausgedrückt haben, das steht bereit und ist nicht mehr zu haben. einen all machen heiszt was ihn expedieren, ihm den garaus machen; etwas gar haben, gar kriegen bedeutet in Baiern es klein, fertig kriegen. SCHMELLER 2, 60; hundert thaler klein oder all machen wäre dasselbe. wir verknüpfen ganz und gar, die altn. sprache setzt zusammen giörvallr, omnino omnis, wie SPANGENBERG in der angezognen stelle sagt einen gar alle machen. hinter dem praedicat es ist all = erschöpft musz ein älteres es ist all = vollständig, ganz, bereit gelegen haben, das zwar in den sprachdenkmälern noch nicht aufzufinden steht; doch die redensart es ist all zeigt sich gegründet und für die geschichte des wortes all bedeutsam. wo auch hier alle für all erscheint, musz es wie in alle der und alle mein unorganisch genannt werden.
    Ob nun zwar das eben geschilderte praedicative
all = erschöpft, zu ende gegangen aus ahd. und mhd. denkmälern noch nicht aufzuweisen steht; so darf doch kaum bezweifelt werden, dasz es damals schon in der sprache lebte. dafür läszt sich ein wichtiger grund aus der altnordischen schöpfen, in welcher nicht nur das vorhin angezogne giörvallr vorkommt, sondern auch allr, nach BIÖRN, bedeutet: qui vivere desiit, nil praeterea valens; hann varð þar allr, ibi mortuus est. nicht anders heiszt es schwedisch: det är allt på fatet; malen är slut på fatet; tortan är all; mina penningar äro alla; min häst blef all i går; nu är det allt med oss; han gaf mig en riksdaler, och dermed allt. dänische beispiele gibt MOLBECH unter al nicht an, doch sind sie ohne zweifel auch

Bd. 1, Sp. 212

in dieser sprache begründet. Vergleichbar scheint endlich das böhm. po wšem, buchstäblich nach allem, dann zu ende, giž gest po wšem, es ist all, ist vorbei, giž gest po wšem weta, actum est de illo, weta gest, es ist all (wett), zu ende, giž gest po wjně, es ist post vinum, der wein ist all. JUNGMANN 5, 80b. 204a.
http://germazope.uni-trier.de/Projec...er/dwb/wbgui

Ja richtig, die Gebrüder Grimm kennt man eigentlich eher daher:


Sprache | Deutschland



Ja... und nu rat mal, warum das "All" "All" heißt und nicht "Voll": Weil da oben halt (bis auf ein paar Ausnahmen, wie Sonnen, Planeten, Quasare, Schwarze Löcher usw.) alles alle ist! :-)

am 2009-02-10 21:43:54 von Oli Sch