aus: Bergische Sagen : heimatliche Erzählstoffe für die Unter- und Mittelstufe
von C[arl] Schieferdecker u. O[tto] Schillmann, Elberfeld : 1911

Wie der Ritter von Kronenburg sich eine Frau raubte

auch bekannt als: der Nonnenraub in Gräfrath (Otto Schell)

Im Burgholz[1] stand die Kronenburg[2]. Dort hauste der Ritter Wolfgang. Er war als wilder und verwegener Mann bekannt und gefürchtet. Jenseits der Wupper wohnte auf Schloß Hammerstein [3] der alte Ritter von Kettler mit seiner Tochter Mechthilde. Wolfgang von Kronenburg hatte die Jungfrau lieb gewonnen und wollte sie gerne zur Gemahlin haben. Eines Tages machte er sich daher auf nach Schloß Hammerstein und bat den Herrn von Kettler um die Hand seiner Tochter Mechthilde. Der Vater wollte die zarte Jungfrau dem rauhen, wilden Ritter nicht anvertrauen und gab dem Freier eine abschlägige Antwort. Der aber stieß drohende Worte aus und kehrte voll Ingrimm auf seine Burg zurück. Er sammelte seine Kriegsgesellen und belagerte die Burg Hammerstein, um die Jungfrau zu rauben. Er wurde aber zurückgeschlagen. Da der Vater fürchtete, daß der wilde Ritter nicht ruhen würde, bis er sein Ziel erreicht hätte, so brachte er seine Tochter in das Kloster zu Gräfrath[4] und ließ sie Nonne werden.

Aber Wolfgang von Kronenburg gab sich auch jetzt noch nicht zufrieden. Er sann einen Plan aus, wie er die Jungfrau in seine Gewalt bekommen könnte. Eines Tages gingen die Nonnen von Gräfrath in einer Prozession in den Wald[5]. Wolfgang von Kronenburg hatte davon gehört und hielt sich mit seinen Spießgesellen im Dickicht des Waldes versteckt. Die Jungfrauen gingen, fromme Lieder singend, nichts ahnend, dahin. Da mit einem Male brachen die Raubgesellen aus dem Dickicht hervor. Eine unbeschreibliche Verwirrung entstand unter den andächtigen Nonnen. Wolfgang aber hob die zitternde Mechthilde auf sein Roß und jagte mit seiner Beute und seinen Kriegsknechten davon. Der Klostervogt eilte mit seinen Knechten dem frechen Räuber nach und holte ihn am Ufer der Wupper[6] ein. Als Wolfgang merkte, daß die Verfolger ihm dicht auf den Fersen waren, gab er die geraubte Jungfrau einem seiner Spießgesellen, damit er sie nach der Kronenburg in Sicherheit bringe. Er selbst riß sein Pferd herum, jagte seinen Verfolgern entgegen und schlug den Klostervogt mit seinem Schwerte nieder. Die Begleiter dieses wackeren Mannes ergriffen feige die Flucht. Der Nonnenräuber ritt nach seiner Burg und machte Mechthilde zu seiner Gemahlin.

Die Äbtissin des Klosters von Gräfrath wollte den Frevel nicht ungerächt lassen und verklagte den Räuber bei dem Bischof von Köln, unter dessen Schutz ihr Kloster stand. Der Bischof sprach den Kirchenbann über den Ritter von Kronenburg aus. Der aber verhöhnte ihn und weigerte sich, Buße zu tun. Seine Burg wurde von dem Bischof und seinen Kriegsknechten belagert, aber hinter seinen Mauern trotzte Wolfgang den Angriffen der Feinde. Sie zogen endlich ab.

Damals gab es in Deutschland ein Geheimgericht, dessen Richter in allen Gauen unseres Vaterlandes über Recht und Unrecht wachten und die Missetäter bestraften. Es war das Gericht der heiligen Feme[7]. Als der Ritter von Kronenburg in seinem übermute das Kloster in Gräfrath wieder überfallen hatte, verklagte man ihn bei der heiligen Feme. Dieses Gericht erklärte ihn für einen Kirchenräuber, und da es überall seine Helfer hatte, so wurde eines Tages der Ritter Wolfgang in seiner eigenen Burg ermordet aufgefunden.

Seine Gemahlin Mechthilde schenkte dem Kloster zu Gräfrath ein Stück Land als Sühne. Sie hatte bald nach dem Tode ihres Gemahls ein Söhnlein, und daher durfte sie die Güter des Ermordeten als Erbe für den Rittersohn behalten. Der Sohn bewohnte die Kronenburg, und seine Nachkommen lebten noch mehrere Jahrhunderte als Ritter von Kronenburg auf der Burg im Burgholz.


andere Geschichte, ähnliche Szene (Überfall auf Engelbert von Berg, 1225 - Wandgemälde Schloss Burg von Claus Meyer, 1901)


[1] grosses Waldgebiet zwischen Wuppertal(-Cronenberg) und Solingen(-Gräfarth): Staatsforst Burgholz
[2] Lage der Kronenburg unsicher ... der Sage nach könnte die Ringwallanlage am Burggrafenberg im Burgholz an der richtigen Stelle liegen und damit infrage kommen. Auf der anderen Seite liegt natürlich auch Cronenberg nahe (von ahd. Cro Krähe) und würde auch gut in die Sage passen. Von einer Burg direkt in Cronenberg ist aber nichts bekannt.
[3] Lage unsicher ... die heutige Villa Hammerstein wird in alte Karten auch als Schloß Hammerstein genannt: Rittergut Hammerstein
[4] 1187 gegr., im Mittelalter bekanntes Frauenkloster (wie z.B. in Essen-Werden), auch heute noch das Kloster Gräfrath
[5] das Burgholz in dieser Gegend heisst Klosterbusch (S. Karte), also zum Kloster Gräfrath gehörend. Vermutlich ging die Prozession auf in diese Richtung; vielleicht zur dortigen Quelle? Die wird auch heute noch gerne angesteuert. Auf alle Fälle liegt der Klosterbusch zwischen dem Kloster Gräfrath und der Ringwallanlage am Burggrafenberg.
[6] möglicher Wupperübergang zw. Solingen u. Gräfrath s. Karte (heute: Teufelsbrücke, damals vielleicht eine Furt)
[7] Feme-Gericht (was die Sage auf eine Zeit grob um 1400 fixieren könnte; ansonsten hätte ich eher auf ~1250 getippt)

Die Punkte auf der Karte kann man auf einer schönen langen Rundtour von 13,8km verbinden, Start z.B. an der Schwebebahn-Station Hammerstein(!), Einkehr an einem der Cafes am empfehlenswerten historischen Gräfrather Markt (Klostertreppe runter). Der Sage folgend geht die Tour gegen den Uhrzeigersinn - dann ist allerdings die Rast schon bei km 4,3. Bei eingeplanter Rast also vielleicht besser im Uhrzeigersinn...
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weitere Start- und Parkplätze: Fauna Solingen, Rosskamper Höhe Wuppertal, Rutenbeck Wuppertal

Permalink:
http://www.bloz.de/bergische_sagen_ritter_von_kronenburg.html

Quelle:
GEI-Digital, http://gei-digital.gei.de/viewer/!metadata/PPN734338554/3/-/
Lizenz: Public Domain

Dokument veröffentlicht: 19.04.2014
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